„Der Fall Brüsewitz“ von Karsten Krampitz

 

 

Der Fall Brüsewitz. Staat und Kirche in der DDR

 

Karsten Krampitz: Der Fall Brüsewitz. Staat und Kirche in der DDR

Erschienen im August 2016 im Verbrecher Verlag

Broschur, 680 Seiten, Preis: 29,00 €, ISBN: 9783957321596

 

Am 18. August 1976 geschah das Unvorstellbare: Auf dem Marktplatz in Zeitz übergoss sich der Pfarrer Oskar Brüsewitz mit Benzin und zündete sich an. Die ursprüngliche Kontroverse, ob der Pfarrer aus Rippicha nun ein Märtyrer im Kampf gegen den Kommunismus gewesen ist oder ein Psychopath, wurde nie geklärt. Vierzig Jahre später geht Karsten Krampitz in seiner Promotionsschrift den Gründen nach, die Oskar Brüsewitz zu seiner radikalen Tat bewegt haben könnten.

Er stellt fest: Nicht der öffentliche Feuersuizid war das die DDR erschütternde Ereignis, sondern die Reaktionen der Bevölkerung auf den Brüsewitz diffamierenden Kommentar im Neuen Deutschland »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden« vom 30. August 1976. Dieser eine Artikel im SED-Zentralorgan (flankiert von einem ähnlichen Kommentar im CDU-Blatt Neue Zeit) löste in der DDR-Gesellschaft eine Welle der Kritik und des Protests aus, die das Verhältnis von Staat und Kirche nachhaltig veränderte.

 

Karsten Krampitz, Jahrgang 1969, ist Schriftsteller und Geschichtswissenschaftler. 2004 erhielt Krampitz das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin. In Klagenfurt wurde er 2009 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem Publikumspreis ausgezeichnet, im folgenden Jahr war er Klagenfurter Stadtschreiber. Krampitz hat diverse Romane und Erzählungen veröffentlicht, unter anderem: »Affentöter« (2000), »Der Kaiser vom Knochenberg« (2002) und »Heimgehen« (2009). Auch gab er zahlreiche Anthologien heraus. Zuletzt erschien von ihm der Roman »Wasserstand und Tauchtiefe« sowie der Essay „1976. Die DDR in der Krise“ im Verbrecher Verlag.

 

Leseprobe:

„Ausgerechnet der damalige CDU-Kreisvorsitzende Alfred Lautenschläger gab der Volkspolizei zu Protokoll, sich zur Tatzeit in unmittelbarer Nähe der Michaeliskirche aufgehalten zu haben, an jenem 18. August 1976 im provinzsächsischen Zeitz. Er habe gesehen, wie diese Person aus dem Auto gestiegen sei, bekleidet mit einem langen schwarzen Talar, und die hintere Klappe des PKW-Kombi geöffnet habe, „und ich sah, wie er Schilder herausnahm und diese auf das Dach seines Autos befestigte“. Danach habe der Mann eine Milchkanne aus dem Wagen geholt, eine Flüssigkeit über sich geschüttet und im nächsten Moment in Flammen gestanden. Daraufhin habe Lautenschläger umgehend im naheliegenden VP-Revier die Polizei geholt: „Mit zwei VP-Angehörigen ging ich sofort zum Ort des Geschehens zurück, um zu helfen. Ich machte diese auf die Transparente aufmerksam und beseitigte diese mit. Meines Erachtens können nicht viele dieses Transparent gelesen haben, da es nur kurze Zeit auf dem Auto stand und falsch zusammengestellt war.“ Während ein Mensch in Flammen über den Platz lief, räumte ein CDU-Politiker mit der Polizei erst einmal die Plakate weg.

Nach der Wende erinnerte sich noch ein anderer CDU-Funktionär, der seinen Namen nicht genannt haben wollte: „Er sah uns wortlos an, blickte von einem zum anderen mit seinem verbrannten Gesicht, die gelblich pergamentfarbenen Hände in seinem Schoß.“ Der zweite CDU-Mann war es auch, der Oskar Brüsewitz einen Stuhl heranschaffte, auf dem der schwerverletzte Pastor in eine Decke gehüllt Platz nahm, bis sechs Minuten später der Rettungsdienst eintraf. Brüsewitz stand auf und ging zum Krankenwagen.

An etwa 80 Prozent der Körperoberfläche hatte er überwiegend Verbrennungen zweiten Grades erlitten. Ohne dass seine Angehörigen noch einmal zu ihm gelassen wurden, erlag Oskar Brüsewitz vier Tage später, am 22. August gegen 18 Uhr, seinen Verletzungen.“