Die Kriegstagebücher Erich Mühsams – I. Weltkrieg

 

Über den I. Weltkrieg wurde vielfach publiziert, doch die Aufzeichnungen von Zeitzeugen vermögen Eindrücke zu vermitteln, die sich nicht in Geschichtsbüchern finden lassen.

Erich Mühsams „Tagebücher“ aus den Jahren 1914 bis 1916 (Band 3 – Band 5) sind eine Chronik des I. Weltkrieges.

Er erzählt von der anfänglichen Kriegsbegeisterung und verfolgt ohnmächtig die Berichte der nationalen und internationale Presse über die Kriegsgräuel und den Völkermord an den Armeniern. Immer wieder sucht er vergeblich nach Verbündeten für eine Antikriegsbewegung. Auch den Alltag abseits der Front schildert er eindringlich, die steigenden Lebensmittelpreise, die Proteste dagegen und den aufkeimenden Antisemitsmus. Ausführlichere Informationen dazu siehe unten.

 

Pressestimmen zu Band 3:

„Mühsam, der Utopist, erweist sich in seinem Kriegstagebuch als Mann des genauen politischen Urteils. Meisterhaft destilliert er aus der offiziellen Propaganda und der Hurrapresse die versteckten Wahrheiten über den Kriegsverlauf heraus.“

Gero von Randow / DIE ZEIT

„Ein ganz besonderer Band. (…) Wie in einer Art Liveticker können wir miterleben, wie der Krieg das Leben der Menschen umstürzt, wie der Anarchist und Antimilitarist Erich Mühsam hin- und hergerissen wird zwischen Kriegsablehnung und -zustimmung inmitten des herrschenden Hurra-Patriotismus.“

Stefan Brams / Neue Westfälische

„In den Äußerungen unmittelbaren Entsetzens, zu einem Zeitpunkt, wo Hurra-Patriotismus und schäumender Hass triumphieren, stellen diese Notizhefte, einfach weil sie zu zaudern wagen, wo alle brüllen, ein Gegengewicht dar, für das man dankbar ist, auch wenn, ja gerade weil sie wirkungslos im Rahmen des Privaten gefangen bleiben.“

Burkhard Müller / Süddeutsche Zeitung

„Treffend nennen die Herausgeber Mühsams Aufzeichnungen eine in ihrer Subjektivität und ihrem Detailreichtum einmalige „Weltkriegschronik“, die den Leser das Gefühlschaos dieser Zeit nacherleben lässt.“

Oliver Pfohlmann / Neue Zürcher Zeitung

„Diese Ausgabe ist eine publizistische Glanzleistung und ein politik-, literatur- und ein kulturgeschichtliches Ereignis. Und in diesem Band wird deutlich, welche dramatische Bedeutung der Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf das europäische Geistesleben und auf die europäische Alltäglichkeit hatte.

Jan Kuhlbrodt / FIXPOETRY

 

Der Herausgeber Chris Hirte stellt die Kriegstagebücher Erich Mühsams gerne vor. Bei Interesse an einer Lesung sende ich Ihnen gerne weitere Informationen zu.

 

 

Ausführliche Informationen:

Erich Mühsams „Tagebücher“ über die Kriegsjahre 1914-1916 (Band 3 – Band 5)

Die Edition der Tagebücher wird herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Piens und erscheint im Verbrecher Verlag.

 

Erich Mühsam führte 15 Jahre lang, von 1910 bis 1924, ein Tagebuch. In den ersten Jahren seiner Niederschrift erzählen sie von seinen Erlebnissen in der Münchner Boheme, von Klatsch und Tratsch ebenso wie von Theateraufführungen, politischen Diskussionen, Finanznöten und Liebesaffären. Doch mit Beginn des I. Weltkriegs ändert sich der Ton.

Als 1914 der Krieg beginnt, braucht Erich Mühsam das Tagebuch, um Schock und Verzweiflung in Worte zu fassen, die Trümmer seiner alten Gewissheiten neu zu sortieren. Es dauert lange, bis er die Propagandalügen durchschaut und zu einer eigenen Haltung findet. Das Tagebuch dokumentiert sein Tasten und Irren, seine Suche nach der Wahrheit über den Krieg und nach einer neuen Rolle für sich selbst.

1915 zerschlagen sich Mühsams Hoffnungen auf ein schnelles Ende des Gemetzels, der Friede rückt in immer weitere Ferne. Er braucht das Tagebuch jetzt, um die Wahrheit aus den verlogenen Pressemeldungen herauszufiltern. Wer hat diesen Krieg angezettelt? Wer kann ihn beenden? Wo kann er sich und seine Überzeugungen geltend machen?

In der kaisertreuen SPD bahnen sich Umbrüche an – der linke Flügel verweigert neue Kriegskredite, die Spaltung der Partei bahnt sich an. Gespannt verfolgt Mühsam die Entwicklung und sucht nach Verbündeten für eine Antikriegsbewegung unter anarchistischen Vorzeichen: bei Pazifisten, linken Sozialdemokraten, Anarchisten. Auch in der Münchener Boheme geht der Tod um. Die Reihen lichten sich, die Stammtischkrieger werden immer nervöser. Mühsam muss befürchten, an die Front geschickt zu werden, und ist fest entschlossen, eher zu sterben als zu töten.

1916 ist ein Ende des Weltkriegs nicht abzusehen. Mühsam ist in München zur Untätigkeit verdammt. Seine Meinung darf er nicht öffentlich sagen, es ist einsam um ihn geworden. Also verfolgt er weiter die Berichte von den vielen Fronten und macht sich sein eigenes Bild. Zerstörung, Elend, millionenfaches Leid, die Triumphe der Militärtechnik mit U-Boot-Krieg, Giftgas, Bombardierung wehrloser Städte quälen ihn täglich von neuem; ihn beschäftigt der Völkermord an den Armeniern, der die volle Billigung der deutschen Politik findet.

Nur die militärische Niederlage Deutschlands kann Europa retten, begreift er nun. Verzweifelt forscht er nach Möglichkeiten, die Wahrheit zu verbreiten, Widerstand und Revolte zu schüren. Seine Suche nach Verbündeten bei Schriftstellern wie Heinrich Mann oder bei linken Sozialdemokraten wie Karl Liebknecht führt nicht weit. Im Herbst 1916 endlich kommt es zu Protesten in München. Beginnt der Aufstand der Massen gegen den Krieg? Mühsam fasst neuen Mut….

 

Erich Mühsam, geboren am 6. April 1878 in Berlin, war Dichter, Anarchist und politischer Publizist. Seit 1909 lebte er in München-Schwabing. Als zentrale Figur der Schwabinger Bohème war er befreundet mit Heinrich Mann, Frank Wedekind, Lion Feuchtwanger, Fanny zu Reventlow und vielen anderen.

Mühsam war Mitarbeiter des Münchner Kabaretts und verschiedener satirischer Zeitschriften wie des Simplicissimus und der Jugend. Von 1911 bis 1919 gab Erich Mühsam in München die Zeitschrift Kain heraus. Er war maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, wofür er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde.

1933 wurde er verhaftet und am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg von der SS-Wachmannschaft ermordet. Sein Tod jährt sich 2014 zum 80. Mal.

 

Die Edition der »Tagebücher« Erich Mühsams:

Erich Mühsam hat 15 Jahre lang, von 1910 bis 1924, Tagebuch geführt und sein Leben festgehalten – ausführlich, stilistisch pointiert, schonungslos auch sich selbst gegenüber – und niemals langweilig.
Die historisch-kritische Ausgabe der »Tagebücher« wird von Chris Hirte und Conrad Piens herausgegeben. Sie erscheint in 15 Bänden im Verbrecher Verlag und zugleich als Online-Edition unter www.muehsam-tagebuch.de. Der Anmerkungsapparat im Internet bietet neben ergänzenden Materialien die digitalisierte Handschrift und umfassende Suchfunktionen, sowie ein Sach- und Personenregister, das in jeweils aktualisierter Fassung heruntergeladen und ausgedruckt werden kann.

 

Die Herausgeber:

Chris Hirte war Mitherausgeber der Erich-Mühsam-Werkausgabe beim Verlag Volk und Welt (1978-1985). Seine Mühsam-Biographie erschien 1985 im Verlag Neues Leben. 1994 veröffentlichte er bei dtv München eine Auswahl aus den Tagebüchern. Seit 2009 arbeitet er gemeinsam mit Conrad Piens an der Gesamt­ausgabe der Tagebücher.

Conrad Piens ist Informatiker und Antiquar. Gemeinsam mit seiner Frau Irina betreibt er seit 1999 die Website www.muehsam.de, die u.a. eine umfassende Bibliographie zu Werk und Wirkung Erich Mühsams enthält. Neben der Herausgebertätigkeit sorgt er für die Aufbereitung der Tagebuchtexte für die Online-Edition und betreut die Website www.muehsam-tagebuch.de.
Editionsplan:
Band 1 – 1910–1911 / erschienen 2011
Band 2 – 1911–1912 / erschienen März 2012
Band 3 – 1912–1914 / erschienen Dezember 2012
Band 4 – 1915 / erschienen Mai 2013
Band 5 – 1915–1916 / erschienen November 2013
Band 6 – 1919 / erscheint Mai 2014
Band 7 – 1919–1921 / erschienen 2014
Band 8 – 1921 / erschienen 2015
Band 9 – 1921–1922 / erscheint voraussichtlich Herbst 2015
Band 10 – 1922 / erscheint voraussichtlich Frühjahr 2016
Band 11 – 1922 / erscheint voraussichtlich Herbst 2016
Band 12 – 1922–1923 / erscheint voraussichtlich Frühjahr 2017
Band 13 – 1923 / erscheint voraussichtlich Herbst 2017
Band 14 – 1923–1924 / erscheint voraussichtlich Frühjahr 2018
Band 15 – 1924 / erscheint voraussichtlich Herbst 2018