Erich Mühsams „Tagebücher“ aus der Festungshaft

 

Herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Piens.

Band 6 und Band 7 erschienen 2014, Band 8 2015, Band 9 2016 im Verbrecher Verlag

 

Erich Mühsam führte 15 Jahre lang, von 1910 bis 1924, ein Tagebuch. Und schuf damit ein “einmaliges zeitgeschichtliches Dokument.” (Oliver Pfohlmann/Neue Zürcher Zeitung)

Die Herausgeber stellen Erich Mühsam und die historisch-kritische Ausgabe gerne vor und lesen aus den Tagebüchern. Auch Schauspieler können den Lesepart übernehmen.

 

Band 6: 1919

Da einige Tagebuchhefte von Erich Mühsam verschollen sind, setzt Band 6 im April 1919 ein. Der Krieg ist vorbei, die Revolution am Ende. Seit zwei Wochen sitzt Mühsam im Zuchthaus Ebrach, nur allmählich dringen die Nachrichten von der blutigen Niederschlagung der von ihm mitbegründeten Münchener Räterepublik zu ihm durch. Im Tagebuch lässt er seinen Gefühlen freien Lauf: Schock, Entsetzen, Trauer, Wut. Er hält Rückschau, forscht nach den Ursachen des Scheiterns und beginnt seinen langen Kampf für die Vollendung der Revolution.

Sein Anarchismus wird auf eine harte Probe gestellt. Die Ereignisse haben ihn gelehrt, dass Idealismus, Friedenssehnsucht und Begeisterung nicht ausreichen, um eine herrschaftsfreie Gesellschaft zu errichten. Aber wie kann man die Revolution gegen Verrat, Lüge, militärische Gewalt verteidigen? Es muss gehen, befindet er, notfalls auch mit militärischen Mitteln. Doch jede Form von Obrigkeit, sei es in Gestalt einer Armee oder einer Partei, lehnt er ab. Zu Hilfe kommt ihm das Zauberwort von der „Diktatur des Proletariats“. Kann es auch dazu dienen, die Anarchie zu erkämpfen? Mühsam stellt Gemeinsamkeiten zwischen Bakunin und Lenin fest und entwirft eine Befreiungsstrategie, die ohne Kaderparteien und militärische Befehlshaber auskommt.

Zugleich führt er einen zähen Kleinkrieg gegen die bayerische Rachejustiz: Mit solidarischen Aktionen, Hungerstreik, Eingaben und Prozessen versucht er, für sich und seine Mitgefangenen menschenwürdige Haftbedingungen zu erzwingen. Doch leicht ist es nicht, die „Genossen“ zum gemeinsamen Handeln zu überreden…tion.

 

Band 7: 1919 – 1921

November 1919. Seit sieben Monaten sitzt Mühsam in bayerischer Haft. Aus der Überzeugung, dass die Weltrevolution bevorsteht, schöpft er die Kraft und den Mut weiterzukämpfen – gegen die Kerkermeister, die sein öffentliches Wirken behindern, für den Sieg der geeinten Linken über das Regime der Freikorps und der korrupten Parteien. Die Krisen und Unruhen in ganz Deutschland geben ihm recht, der Sieg über die Putschisten vom März 1920 weckt neue Hoffnungen.

Doch die Revolutionäre von 1918 sind zerstrittener denn je, auch unter Mühsams Mithäftlingen bilden sich verfeindete Gruppen. Er wird von „Genossen“ geschlagen und bespuckt, die Bewacher schüren den Streit nach Kräften. Nur in der strafverschärfenden Einzelhaft findet Mühsam Zeit und Ruhe, einige seiner wichtigsten Werke zu verfassen: Das Judas-Drama und seine Streitschrift zur Einigung des Proletariats.

 

Band 8: 1921

Erich Mühsams Tagebuchhefte 26 und 27 umfassen den Zeitraum Januar bis Mai 1921, sie entstehen in der Festungshaft im bayerischen Niederschönenfeld.

Mühsam schildert den tristen Alltag der Haftanstalt, die Willkür der Bewacher und die Strafmaßnahmen der rechtsgerichteten bayerischen Regierung, die alles tut, um die durch die Inflation verursachte Notlage der Gefangenen zusätzlich zu verschärfen. Mühsam nutzt die Kampfmöglichkeiten, die ihm geblieben sind, um seine Würde zu verteidigen, Mitgefangenen zu helfen, den Glauben an eine Befreiung durch die Revolution zu bewahren.

Doch am tiefsten verletzt ihn eine Diffamierungskampagne der KPD-Genossen unter den Häftlingen, die den Anarchisten als Feind behandeln und ihn mit Unterstützung der Bewacher in die Isolierung treiben.

 

Band 9: 1921

Das zweite Halbjahr 1921 in der bayerischen Festungshaft in Niederschönenfeld, das diesen Band ausfüllt, stellt Mühsams Zukunftsglauben auf die härteste Probe.

Täglich steigern die Bewacher den an Folter grenzenden Psychoterror gegen die völlig entrechteten Häftlinge. Fast alle Versuche, Notschreie nach außen dringen zu lassen, werden unterbunden. Mühsam konfrontiert sich täglich mit den Grundfragen des politischen Kampfes, nicht nur in Gedanken, sondern mit Haut und Haar: Geht es um die Zukunft oder nur noch um Widerstand? Geht es um die Wahrung von Würde oder nur noch um das nackte Überleben? Muss er auf seiner Wahrheit beharren, oder muss er sich den Entschlüssen einer fernen KP-Zentrale beugen? Zumal wenn auch diese Zentrale alles tut, um ihn mundtot zu machen?

Mühsam kennt nur eine Antwort, und sie treibt ihn in die tiefste Isolation.

 

Erich Mühsam, geboren am 6. April 1878 in Berlin, war Dichter, Anarchist und politischer Publizist. Seit 1909 lebte er in München-Schwabing. Als zentrale Figur der Schwabinger Boheme war er befreundet mit Heinrich Mann, Frank Wedekind, Lion Feuchtwanger, Fanny zu Reventlow und vielen anderen. Mühsam war Mitarbeiter des Münchner Kabaretts und verschiedener satirischer Zeitschriften wie des Simplicissimus und der Jugend. Von 1911 bis 1919 gab Erich Mühsam in München die Zeitschrift Kain heraus. Er war maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, wofür er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde. Als Sonderheft seiner Zeitschrift Fanal erschien 1932 kurz vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten seine programmatische Schrift Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat, mit dem Untertitel Was ist kommunistischer Anarchismus? versehen. 1933 wurde er verhaftet und am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg von der SS-Wachmannschaft ermordet. Sein Tod jährt sich 2014 zum 80. Mal.

 

Die historisch-kritische Ausgabe der “Tagebücher” wird von Chris Hirte und Conrad Piens herausge­geben. Sie erscheint in 15 Bänden im Verbrecher Verlag und zugleich als Online-Edition unter: www.muehsam-tagebuecher.de. Mit der digitalisierten Handschrift des gesamten Textes, ergänzenden Materialien und einem Sach- und Personenregister.

 

Erich Mühsam: Tagebücher — Editionsplan

Band 1 – 1910–1911 / erschienen 2011
Band 2 – 1911–1912 / erschienen März 2012
Band 3 – 1912–1914 / erschienen Dezember 2012
Band 4 – 1915 / erschienen Mai 2013
Band 5 – 1915–1916 / erschienen November 2013
Band 6 – 1919 / erschienen Mai 2014
Band 7 – 1919–1921 / erschienen 2014
Band 8 – 1921 / erschienen 2015
Band 9 – 1921–1922 / erscheint März 2015
Band 10 – 1922 / erscheint voraussichtlich Mai 2016
Band 11 – 1922 / erscheint voraussichtlich Herbst 2016
Band 12 – 1922–1923 / erscheint voraussichtlich Frühjahr 2017
Band 13 – 1923 / erscheint voraussichtlich Herbst 2017
Band 14 – 1923–1924 / erscheint voraussichtlich Frühjahr 2018
Band 15 – 1924 / erscheint voraussichtlich Herbst 2018