Wird Zeit, dass wir leben

 

Roman von Christian Geissler

mit einem Nachwort von Detlef Grumbach, erschienen 2013 im Verbrecher Verlag

 

„Es ist nicht nur ein spannendes Dokument für die Bewusstseinslage der Siebzigerjahre, eine politische Archäologie, es geht in seiner ästhetischen Gestaltung weit über diese hinaus: Christian Geissler ist der einzige Autor, den man in die Nähe von Peter Weiss und dessen monumentaler „Ästhetik des Widerstands“ rücken kann.“ Helmut Böttiger / Deutschlandfunk

 

Inhalt:

Schlosser ist Funktionär der KPD. Bis zu seiner Verhaftung bremst er den Eifer der Genossen im Kampf gegen die Nazis, verweigert die Waffen und pocht auf Disziplin. Die Genossen von der Basis aber wollen kämpfen. Kämpfen bedeutet für sie Lust und Leben. Vor allem für Karo, aber auch für Leo, der noch 1930 zur Polizei geht, aber später begreift, dass er auf der falschen Seite steht.

Als ob er mitten im Geschehen steckt, begleitet Geissler seine Figuren durch die Kämpfe vor und nach 1933 und zieht den Leser in die immer noch aktuellen Debatten mit hinein. Mit »balladenhaft-lyrischer Präzision« (Heinrich Böll) erzählt er von Gewalt von oben und Gegenwehr von unten, vom Spannungsverhältnis zwischen Kollektiv und Individuum, zwischen Disziplin und Eigensinn.

Geisslers Roman basiert auf einer wahren Geschichte: Das Vorbild für Leo war der Hamburger Polizist Bruno Meyer, der Anfang 1935 die Widerstandskämpfer Fiete Schulze und Etkar André aus dem Gefängnis befreien wollte. Detlef Grumbach recherchierte umfassend und erzählt in seinem Nachwort erstmals vom Schicksal Bruno Meyers.

Hier der Link zur Leseprobe.

 

Christian Geissler wurde am 25. Dezember 1928 in Hamburg geboren. Nach einem nie abgeschlossenen Studium der Theologie, Philosophie und Psychologie in Hamburg, Tübingen und München arbeitete er ab 1956 als freier Schriftsteller. Geissler arbeitete u. a. beim NDR, war Mitherausgeber der linken Literaturzeitschrift Kürbiskern, Dokumentarfilmer und Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Neben seinem Debüt »Anfrage« (1960) ist »kamalatta« (1988) sein bekanntester Roman. Er lebte zumeist in Hamburg und Ostfriesland und starb am 26. August 2008. Außer seinen Romanen veröffentlichte Geissler zahlreiche Hörspiele, Dokumentarfilme und Lyrik-Bände.

Detlef Grumbach stellt Christian Geissler, seinen Roman und dessen Hintergründe gerne vor!

 

Pressestimmen:

„Die hochartifizielle – und dabei auch hochmusikalische – Sprache, ein Amalgam aus Argot, Dokumentarischem und klassischem Erzählstil drängt nach vorn, so dass das Buch ein enormes Tempo hat. […] Das ist eine erregende Leseerfahrung.“

Jochen Schimmang / taz

„Christian Geissler hörte hin, schaute den Menschen aufs Maul ohne ihnen nach dem Mund zu reden.“

Jan Ehlert / NDR Kultur

„Mit seiner bisweilen schroffen Sprache, ihren rhythmisierenden Sentenzen, den immer wieder abrupt aneinander gereihten Assoziationen, gelingt es Geissler eine Zeitstimmung zum Klingen zu bringen.“

Oliver Tolmein / Gutenbergs Welt – WDR 3

 

Pressestimmen zur Erstausgabe aus dem Jahr 1976:

„Wie bringt einer fünfzig Personen auf knapp 230 Seiten zueinander, gegeneinander und miteinander in Aktion? Und das ohne den tragenden und gelegentlich trägen Rahmen, der Familienromane und Sagas zusammenhält? (…) Kein Wunder, kein Trick, es ist der Stil, der Aufbau, das Tempo, die balladenhaft-lyrischen Präzision und Konzentration, mit der hier sozialkritisch-realistisch ausführliche Beschreibungen vermieden werden.“

Heinrich Böll / Die Weltwoche, 16.3.1977

 

„Das Buch ist politisch – in seiner Ästhetik: keineswegs nur, wo es von Politischem handelt (…), das Buch ist vielmehr auch dort politisch, wo Handeln Sprache, wo die Sprache durch Handeln gesprengt wird – mit sprachlichen Mitteln. Ein politischer Roman also, zugleich hochartifiziell. Ein schwieriges Buch und ein wichtiges.“

Martin W. Lüdke / Die Zeit, 12.11.1976


„Geissler ist der meiner Meinung nach gegenwärtig einzige Schriftsteller in der Bundesrepublik, der radikale politische und moralische Intentionen zu ästhetischen methodisch in unmittelbare Beziehung setzt. Dieser Roman fällt auch literarisch aus dem Rahmen, ist auch als Roman außerordentlich. Das ist nicht zuletzt begründet in seiner sprachlichen Originalität, die er aus der Alltagssprache der kleinen Leute Kraft holt, sie systematisch auf eine das Konkrete greifende Kunstsprache hin verknappend. (…) Diese literarische Apotheose der Gegengewalt ist mit dem allen keine Apotheose der Gewalt. Sie ist glaubhaft und packend eine Apotheose des Friedens. Nur eben nicht des untertänigen, faulen und falschen Friedens, wie ihn die Nazis in den ersten Jahren ihrer Herrschaft erzwangen.“

Heinrich Vormweg / Süddeutsche Zeitung, 9.12.1976

 

„Weder begnügt er sich (…) mit einem reportagehaften Realismus, noch läßt er sich dazu verleiten, über geschlossene Heldenfiguren entlang einer Parteilinie zu schreiben und die Widersprüchlichkeit des politischen Kampfes, der Haltungen, Einsichten und Aktionen zu unterdrücken. (…) Geisslers Buch beschreibt das allmählich sich entwickelnde Verständnis von wenigen, die sich im Bewußtsein ihrer Niederlage, ihres verkürzten und verstümmelten Daseins mit einer Aktion den Weg ins Freie verschaffen.“

Wilfried F. Schoeller / Frankfurter Rundschau, 18.9.1976